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Herford 26.09.2011

Zwangsstörungen: Quälender Drang zur Wiederholung

 

Ist der Herd ausgeschaltet? Habe ich die Tür zugeschlossen? Diese Fragen stellt sich wohl jeder hin und wieder, doch wer viele Male am Tag überprüft, ob der Herd aus und die Tür zu ist, leidet unter einer Krankheit. Zwangserkrankungen treten bei etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung auf. Auch Kinder leiden schon unter solchen Störungen. Doch Psychotherapien führen mit gutem Erfolg zur Heilung.

 

 


Zwangshandlungen unterscheiden sich von normalen Alltagshandlungen nur durch ihre Häufigkeit: Vor dem Essen die Hände zu waschen – das ist normal. Doch sich mehrmals stündlich die Hände zu schrubben, aus Angst, infiziert zu werden, das ist krankhaft. Die Zwangshandlungen werden von Zwangsgedanken begleitet, das heißt, der Erkrankte grübelt ständig über die Zwangshandlungen nach. Experten definieren Zwangsstörungen als Handlungen oder Vorstellungen, die mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen auftreten. Diese Handlungen oder Vorstellungen werden als zur eigenen Person gehörig und dennoch als störend empfunden. Die Betroffenen wehren sich deshalb dagegen, können jedoch den Impuls nicht unterdrücken.

 

Leider stoßen viele Erkrankte in ihrer Umgebung auf Unverständnis. „Reiß dich zusammen“ oder „das passiert jedem mal“ sind häufige Kommentare. Doch Zwangserkrankungen sind keine Macken, mit denen man sich einfach abfinden sollte. Es handelt sich um eine ernsthafte psychische Erkrankung, die sich jedoch mit gutem Erfolg behandeln lässt.

 

 


Eine Zwangserkrankung unterscheidet sich deutlich von lieb gewordenen Gewohnheiten. Denn die Symptome treten nicht nur häufig und dauerhaft auf, der Erkrankte leidet auch körperlich, wenn er seine Zwangshandlung nicht ausführen kann, zum Beispiel fängt er an zu schwitzen, zu zittern oder ihm wird übel. Außerdem ist typisch für Zwangserkrankungen, dass diese nicht mehr kontrollierbar sind: Obwohl der Erkrankte seine Handlungen und Gedanken kontrollieren möchte, gelingt ihm das nicht. Wenn die Zwangshandlung wichtiger wird als alles andere, wenn sie den Alltag, das Leben mit der Familie und den Beruf beherrscht, ist es höchste Zeit, sich einem Arzt oder Psychotherapeuten anzuvertrauen.

 

Die Krankheit ist gar nicht so selten. Einzelne Symptome lassen sich bei bis zu acht Prozent der deutschen Bevölkerung beobachten. Unter Zwangserkrankungen leiden etwa 2,5 Prozent, wobei sie häufig im Alter zwischen 20 und 25 Jahren erstmals auftreten. Doch auch bis zu zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden unter Zwangsstörungen – sie stehen stundenlang unter der Dusche, ordnen, zählen und berühren ständig bestimmte Dinge oder leben mit aggressiven Gedanken, die sie nicht unterdrücken können. Anders als bei der Schizophrenie, wo scheinbar „fremde Stimmen“ dem Patienten etwas zuflüstern, werden die störenden Gedanken bei Zwangspatienten als die eigenen empfunden.

 

Bei vielen Patienten lassen sich Ursachen für die Zwangserkrankung in der Kindheit finden. Sie berichten von frühen Ängsten, zum Beispiel Angst vor Schuld, Angst, eine vermeintlich geforderte Leistung nicht bringen zu können, oder Angst vor Aggression oder sexuellen Trieben.

 

Eine übermäßige Kontrolle der Kinder durch die Eltern kann solche Vorstellungen begünstigen. Wissenschaftler, die sich mit Zwangserkrankungen auseinander setzen, raten Eltern deshalb, das Selbstwertgefühl ihrer Kinder zu stärken. Kinder, die sich ausprobieren können, entwickeln weniger Ängste und trauen sich mehr zu.


Auf körperlicher Ebene lässt sich bei Patienten mit Zwangserkrankungen eine Veränderung der Häufigkeit der Botenstoffe, wie etwa des Serotonins, im Gehirn feststellen. Es wird diskutiert, ob es eine erbliche Veranlagung für die Erkrankung gibt. Ergebnisse der Zwillingsforschung lassen dies vermuten.


Zur Behandlung der quälenden und störenden Zwänge hat sich eine Psychotherapie als wirksamste Methode erwiesen. Je früher eine Therapie begonnen wird, desto erfolgreicher ist der Behandlungsverlauf. Es können auch Medikamente eingesetzt werden, doch diese helfen nur, solange sie eingenommen werden. Meist werden Präparate nur verordnet, wenn die Zwangserkrankung durch eine Depression begleitet wird. Es werden die gleichen Arzneimittel angewandt, die auch gegen Depressionen eingesetzt werden, jedoch in höherer Dosis – dies erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen.

 


Aus diesem Grund empfehlen viele Ärzte bevorzugt eine Psychotherapie, und zwar eine „kognitive Psychotherapie“, die anstrebt, gedankliche Muster zu verändern.

 

Die kognitive Therapie besteht aus drei Teilen:
Vorbereitend wird geklärt, wie motiviert der Patient ist und was er von der Psychotherapie erwartet. Dann geht es um Konfrontation und Reaktionsmanagement: Wenn bekannt ist, was die Zwangshandlungen auslöst, konfrontiert sich der Patient so lange mit diesen Auslösern, bis Angst und Unruhe nachlassen. So muss ein Patient mit Waschzwang ertragen, völlig verdreckt zu sein. Der Patient lernt, dass diese Situation nicht zu den befürchteten Folgen - einer Infektion - führt. Die Gefühle, die dabei aufkommen, werden mit Hilfe des Therapeuten verarbeitet.


Die kognitive Therapie nutzt verschiedene Strategien, nämlich die plausible Erklärung über Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangsgedanken und -handlungen, Identifikation des eigentlichen Problems, nämlich Angst und Unruhe, und Hinweise auf die Problematik der Unterdrückung von Gedanken. Außerdem hilft die Psychotherapie, Gedanken und Handlungen zu trennen und die Gedanken selbst zu verändern. Es geht um eine Auseinandersetzung mit Themen wie Verantwortlichkeit, Schuld und Sicherheit.

Fast alle Patienten erfahren eine Verbesserung ihrer Lage durch die Psychotherapie, etwa die Hälfte hat nach deren Abschluss keine oder nur noch sehr wenige Symptome. Die Kassen tragen die Kosten für eine Therapie bei einem auf Zwangserkrankungen spezialisierten Psychotherapeuten, wenn bei einem Patienten diese Krankheit diagnostiziert wurde. In schweren Fällen ist eine stationäre Behandlung im Krankhaus oder eine Reha-Maßnahme zu empfehlen.

 

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Was sind Zwangserkrankungen?

 

Häufig beginnt es mit einer Art Aberglaube: Sie glauben, eine bestimmte Handlung bringe ihnen Glück. Doch die Wiederholung der Handlung wird bald zu einem Zwang und damit belastend. Viele Betroffene versuchen dem Zwang anfangs zu widerstehen. Das komplette Zwangssystem wird jedoch nur äußerst selten in Frage gestellt. Die Angst vor der eigenen Angst hindert die Betroffenen daran, ihr zwanghaftes Verhalten vollständig zu unterlassen. Ein solcher Kampf kostet viel Energie und führt häufig zu einer totalen Erschöpfung. Dadurch können die Betroffenen ihren Alltag immer schlechter bewältigen. Zudem vermeiden sie alle Aktivitäten, die ihre Zwänge möglicherweise verstärken und ziehen sich so immer weiter aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Der Betroffene widmet seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit seinen Zwängen und vermeidet so die Auseinandersetzung mit den für ihn problematischen Themen. Auch negative Gefühle wie Niedergeschlagenheit und depressive Verstimmungen werden nicht so stark wahrgenommen.

 

Dies ist eine Zusammenfassung einer Definition der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen, in der sich Betroffenen gemeinsam mit Experten organisiert haben. Auf der Homepage finden sich weitere Informationen, Adressen von Selbsthilfegruppen und Therapeuten:

 

http://www.zwaenge.de/